HALT(ER)LOS! Teil 1: Die Geschichte des BHs

„Keinen BH tragen? Das geht doch nicht!“, sagten sie alle und wussten nicht, wieso. Ich würde an dieser Stelle gerne mal ein bisschen an der gesellschaftlich top konstruierten Fake-Oberfläche kratzen und sehen, was darunter ist: Sprich wieso wir einen BH „tragen sollten“, woher dieser Irrglaube kommt und was die Geschichte des BHs ist.

Die Geschichte des BHs

Woher kommt denn der Irrglaube, dass man einen BH braucht? Das hat sich über Jahrhunderte in unsere Gesellschaft eingeschlichen. Den BH, wie wir ihn heute kennen, trägt man seit über 100 Jahren, doch der Ursprung des „Busen halten“-Gedankens liegt viel weiter zurück. Um genau zu sein, stammt er aus dem 15. Jahrhundert.

Schauplatz 15. Jahrhundert

Das 15. Jahrhundert war ähnlich spannend wie unser momentanes 2020-Jahr. Das dunkle Mittelalter neigte sich dem Ende zu und versuchte, durch hochstilisierte Ritter- und Heldensagen sowie durch romantischen Minnesang zumindest literarisch in schöner Erinnerung zu bleiben.

Doch die Neuzeit drängte und die sogenannte Renaissance (französich für: Wiedergeburt) brach an. Das Höfische des Mittelalters wurde mehr und mehr inszeniert, sodass sich 2 Bereiche in der Gesellschaft entwickelten, die bis heute unser Leben prägen: die Mode- und Parfümindustrie.

Die Kunst der Inszenierung

Schön sein war alles, wenn auch nur als Fassade. Und es ging los mit den „Trends“, denen die Oberschicht nacheiferte. Wer sich nun schön inszenierte und obendrein gut roch, galt als unwiderstehlich. Dass man durch die großen Reifröcke keine Toiletten besuchen konnte und dem Harndrang einfach freien Lauf ließ, war hierbei irrelevant. Dafür gab es schließlich Parfüm.

Gut, welche Trends dominierten nun aber die Gesellschaft der Renaissance? Wie schon gesagt, ging es um INSZENIERUNG. Und diese durfte auch überzogen ausfallen.

Neben gigantischen Reifröcken, die die Hüfte übertrieben betonten, wollte man vor allem eins BETONEN: das Dekolleté.

Die Brust wurde inszeniert

Natürlich war gestern. Ein prall gefülltes Dekolleté sollte alle Blicke auf sich ziehen und dafür taten Frauen einfach alles. Literally. Je größer und praller der Busen, umso besser!

Wie pimpt man einen Busen? Genau: mit Mieder und Korsett. Dass das die Atemwege zuschnürt und Frauen regelmäßig ohnmächtig wurden, nahm man in Kauf. Gleich wie das Pipimachen in den Rock wegen der zu großen Reifröcke.

Ihr seht, modisch wurde den Frauen da echt alles abverlangt. Ob das die Frauen damals bewusst wollten oder nicht, sei dahingestellt, aber eines kann ich euch als Denkanstoß mitgeben: Wenn ihr in einer männerdominierten, patriarchalen Welt lebtet, würdet ihr dann nicht auch eure Vorzüge einsetzen, um irgendwie zu bekommen, was ihr wolltet? Hm… Das lassen wir mal so stehen.

Taillen-Maßstab: zwei Männerhände?!

Das Krasseste habe ich euch noch gar nicht erzählt: Als Maßstab für die Taille, die das Korsett verengte, galten Männerhände! Ein Mann sollte mit seinen beiden Händen die Taille einer Frau ZUR GÄNZE UMFASSEN KÖNNEN! Bildet mal ein O mit euren Händen, dann könnt ihr euch vorstellen, wieso Frauen damals ohnmächtig wurden und Fehlgeburten hatten…

BH statt Korsett

Das Korsett hatte zwei Funktionen: Busen prall machen und Taille verengen.

Doch es wurde von den Frauen und auch von Ärzten immer lauter ausgebuht und das aus gutem Grund! Neben Ohnmachtsanfällen führte das Tragen eines Korsetts (das Ding ist hauteng und schnürt wortwörtlich den Oberkörper zu) zu Atemnot, Organverschiebungen, Essstörungen und sogar Fehlgeburten!

Bis ins 20. Jahrhundert (!) hielt sich dieser ungesunde, kranke Trend!

Doch dann gab es endlich EINE Frau, die etwas anderes wagte, sodass 1914 das Patent für den ersten BH, wie wir ihn kennen, eingetragen wurde. Die Gute hieß Mary Phelps Jacob.

La Sara Leona Sara Erb Designelement in Apricot

Der erste BH ging in eine gute Richtung

Der erste BH wollte weder pushen noch irgendetwas zur Schau stellen. Er war so gesehen der gesunde Ersatz des Korsetts, welches sich spätestens im 1. Weltkrieg auch niemand mehr leisten konnte.

Der BH von Mary Phelps Jacob boomte.

Diese „Befreiung des weiblichen Körpers“ hatte auch mentale Auswirkungen auf die Frauengesellschaft, sodass der Feminismus stetig wuchs und Frauen für ihre Rechte einstehen wollten, ohne sich von Männern vorschreiben zu lassen, wie sie auszusehen hatten. Kleiner Einschub: Hier kam dann auch das kleine Schwarze von Coco Chanel in Mode, welches mit seiner H-Silhouette für Furore sorgte. Schließlich waren es Männer über Jahrhunderte gewöhnt, Frauen in Shapewear und somit X-Silhouette zu sehen.

Die Geschichte des BHs: Der gleiche Fehler erneut!

Wenn wir uns unsere Geschichte genauer ansehen, ganz egal, unter welchem Aspekt, fällt vor allem eines auf: Wir machen immer wieder dieselben Fehler…

Auch beim BH war das so. Denn in den 40er Jahren kam plötzlich die X-Silhouette wieder in Mode, Frauen wurden hinter den Herd verbannt und sollten einfach nur hübsch aussehen – wie damals im 15. Jahrhundert.

Der Wonder Bra kam auf den Markt und plötzlich drehte sich wieder alles um gepushte Busen.

Die Geschichte des BHs und wieso man schon lange keinen BH tragen sollte, darüber berichtet Selbstbewusstseinsbloggerin und Frauenverwirklicherin Sara Erb aka La Sara Leona aus Innsbruck in Tirol, Österreich. Sie trägt ein tief ausgeschnittenes dunkelblaues Rüschenkleid ohne BH mit einer Furla Mandarino Bag.

Keinen BH tragen: Dieses Mal mit Protest!

Immerhin ein paar Frauen haben etwas dazugelernt und sich den erneuten Aufschwung des Zuschnürens für eine „nette Optik“ nicht gefallen gelassen. Immerhin gab es in den 40ern Feministinnen. Im 15. Jahrhundert wären Frauen vermutlich verbrannt worden für derartige Proteste.

Und genau die waren die Folge des Wonder Bras!

Der BH galt als Zeichen der Unterdrückung und wurde erneut ausgebuht, nun allerdings aus reinem Prinzip (zumindest weiß ich es nicht, falls BHs für Fehlgeburten verantwortlich zeichnen wie das Korsett im 15. Jahrhundert).

Wo stehen wir 2020?

Das Busen-Pushen sowie das Zur-Schau-Stellen von weiblichen Attributen entstand also im 15. Jahrhundert in höfischer Gesellschaft, seither gab es ein Auf und Ab von Herzeigen und Verhüllen. Eines blieb jedoch über die Jahrhunderte hinweg erhalten: Die Frau und ihre Vorzüge wurden objektiviert.

Ihr habt nun einen groben Überblick über die Geschichte des BHs erhalten. Wie in allen Bereichen des Lebens ist auch die Mode stets ein Ausdruck für gesellschaftliche und politische Geschehnisse.

Was drückt ein BH aus? Und wie lange sollen wir uns das noch gefallen lassen? Keinen BH tragen sollte Standard sein, doch noch ist das Gegenteil der Fall!

Eine Kolumne dazu folgt in TEIL 2 von HALT(ER)LOS!

Bis dahin: Kleidet euch haltlos halterlos! (Wie zum Beispiel HIER) 😉

xx Sara

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